30. November 2021

Wenn es aufhört

Eigentlich wollte ich mit diesem BLOG warten, bis das Thema CORONA der Vergangenheit angehört; aber je länger die Krise andauert, desto wichtiger wird wahrscheinlich auch für manche von uns das Thema AUFHÖREN. Wer unkündbar in einem Fest-Engagement ist, braucht diesen Blog nicht zu lesen...

Singen bis zum Umfallen?

Man sagt, die grandiose Martha Mödl habe keine Zeit gehabt ihren 80. Geburtstag zu feiern,  weil sie gerade zu viele Vorstellungen zu singen hatte.
So sah ich mich immer: Singen bis ins hohe hohe Alter!
Nun, das Leben hat mich eines Besseren belehrt:

Die meisten coolen Partien für alte Damen sind für tiefere und vor allem lautere Stimmen als meine geschrieben. Leider ist in meiner Stimme keine echte Klytämnestra „drin“ und nach Jahren als Isolde und Küsterin bin ich zu eitel, um mich freiwillig als eine der ersten zu verbeugen– da habe ich lieber ganz aufgehört mit der großen Oper. Hat es weh getan? Ja, sehr (!!), aber es war die richtige Entscheidung – für mich. Ich kenne jedoch etliche Kolleg:innen, die später kleinere Partien singen, damit weniger Stress haben als mit den großen Rollen und trotzdem noch richtig gut Geld verdienen und dabei sein können. Jede/r muss wissen wer sie/er ist, wo er/sie sängerisch steht und dann die für sich selbst richtige Entscheidung treffen.

Für wen singen wir eigentlich?

Es ist schön, wenn das Publikum glücklich ist und berührt und beseelt nach Hause geht. Aber ganz ehrlich: wer das Singen am meisten braucht, sind wir, die Sänger:innen. Die körperlich-geistige Energie, die Singen auslöst, macht süchtig, das ganze Theater drumherum meistens Spaß. Die Entscheidung darauf zu verzichten und nicht mehr dazuzugehören, ist ganz schön schwer; da muss schon eine gute Alternative her!

Ist es wirklich unsere Entscheidung, wann wir aufhören?

Für viele Kolleginnen ist es so, wie einer der Monologe im Familienstück „KunstReGen“, das ich mit meinen Töchtern (immer noch) spiele, beschreibt:

….
Du hattest dir schon länger überlegt, wie du deinen selbstbestimmten Bühnenabschied auf facebook zelebrierst, du viele Herzchen, likes und „ach, wie schade, meinst du wirklich?“-Kommentare bekommst. Doch bevor du mit deinen Überlegungen zum perfekt gesetzten Abschiedspunkt weiterkommst, merkst du, dass du gar nicht aufhörst. Du WIRST aufgehört, es kommen einfach keine Anfragen mehr.

Die Jahreszahl

Über eines sollten wir uns im Klaren sein:
Auch wenn wir über unser Alter geschickt lügen oder es gar ganz verschweigen: Die meisten Leute können 2 und 2 zusammenzählen, und wer es schon über 30 Jahre im Beruf ausgehalten hat, wird kaum Anfang 40 sein! Du kannst vielleicht 3-4 Jahre schummeln, aber auch das ist sehr anstrengend, weil dich schon unschuldige Fragen wie „mit wieviel Jahren hast du eigentlich dein erstes Engagement begonnen?“ zum Schwitzen bringen. Machen wir uns nichts vor: die Leute wissen ungefähr, wie alt wir sind, und, ganz ehrlich, mit der Wahrheit lebt es sich entspannter!

Jetzt kommt die andere Theaterwahrheit ins Spiel:

Es macht einen Unterschied, ob du freischaffend oder Ensemblemitglied bist:

Im Ensemble kannst du als Mezzo auch mit 45 vielleicht nochmal Hänsel singen, in der freien Wildbahn singst du entweder die Mutter, die Hexe oder du hast in dem Stück keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Auch ein hoher Tenor, der mit 50 noch Ramiro und Lindoro oder Nemorino singen KANN, wird als freelancer in diesem Fach kaum Arbeit finden, weil es jüngere Sänger gibt, die vielleicht die Erfahrung nicht haben, aber diese Rollen der jungen Liebhaber glaubhafter verkörpern. Passt uns vielleicht nicht, ist aber so!
Die tieferen Stimmen haben etwas länger Zeit. Das ist die ausgleichende Gerechtigkeit dafür, dass sie jahrelang warten müssen, bevor sie die „richtigen“ Rollen singen können/dürfen:)

Als leichte lyrische Stimme ist es am mühsamsten: wenn sich deine Stimme nicht nach oben/nach unten oder ins Dramatische bewegt, dann brauchst früher eine Alternative! Entwickelt sich deine Stimme ab Ende 30/Anfang 40 ins Dramatische, hast du Glück und kannst mit guter gesangstechnischer Begleitung deine Karriere noch recht lange genießen.

Vorbeugen ist besser als Nachsehen 

Sprich ab und zu mit deiner Agentur über eine Anpassung deines Repertoires. Es ist heutzutage System-kompatibler ein bisschen zu jung für eine Rolle zu sein als ein bisschen zu alt einzusteigen. Das mag uns übertrieben und ungerecht vorkommen; aber solange wir das System nicht ändern können, sollten wir versuchen darin zu überleben.

Komm der Agentur/dem Business zuvor: schlag selber Partien vor, die entwicklungs- und altersgerecht sind und sitz nicht wie das Kaninchen vor der Schlange vor der nächsten (Lebensjahres-)Null!

Wenn nichts mehr kommt – Was machst du statt Singen?

Das Wichtigste vorweg:
Die Frage nach einer Alternative MUSST (ich schreibe selten, dass man etwas MUSS, aber hier ist es angebracht) du schon ab Mitte/Ende 30 im Hinterkopf haben:

  • Was kannst du sonst noch?
  • Was magst du sonst noch?
  • Wie soll es NACH dem Singen weitergehen?

Wenn du bis 65+ singen kannst und dann auch genug Jahre/Zeiten beisammenhast, bekommst du Rente – die Übersicht darüber, ob die ausreichend sein wird, schicken dir jährlich ab ca. 55 die drv und die Bayerische Versicherungskammer; wenn du freischaffend warst, wird das eher nicht reichen.

– Informiere dich rechtzeitig über deine Rente, Sozialversicherung, KSK und all das, wozu Künstler:innen keine Lust haben.
– Werde Mitglied bei krea[K]tiv.art, die können dir weiterhelfen.

Es ist unentschuldbar mit offenen Augen gegen die Wand zu fahren!

Sparen
Wenn du gerade richtig viel Geld verdienst, dann kannst du einen Teil davon anlegen, vielleicht in den Kauf einer Wohnung investieren. (Anders gesagt: hau nicht alles ‚raus!;)) Wenn du später auf Mieteinnahmen zählen kannst, ist das Leben schon ein wenig freundlicher, als wenn du unbedingt noch singen MUSST.

Unterrichten
Unterrichten kann man auch ziemlich lange; aber das wird nur gut funktionieren, wenn du es wirklich super gerne machst. Wenn das der Fall ist, dann fange früh und allmählich damit an und baue dir langsam einen Namen auf. Unterrichtest du sehr, sehr gerne, dann versuche neben dem Singen an einer Hochschule zu unterrichten. Auch wenn Lehraufträge sehr bescheiden bezahlt sind: wenn du einmal Professor:in werden möchtest, ist es klug und manchmal sogar unabdingbar, Unterrichtserfahrung auf Hochschulebene vorweisen zu können.

Andere Sachen (links am Ende)
Es gibt Sänger:innen, die nach der Gesangskarriere ins Kultur-Management wechseln, wie meine Freundin Susanne Petridis, die den Aufbaustudiengang in Zürich absolviert und jetzt als Die.Marktfrau Websiten für Künstler:innen baut und ihnen bei der erfolgreichen Positionierung zur Seite steht.

Ich selbst habe eine Ausbildung zum Systemischen Coach gemacht und Programme entwickelt, die Künstler:innen helfen können mit herausfordernden Situationen besser umzugehen

Man kann seine Erfahrung am Theater auch bei der Arbeit in einer Agentur einsetzen, in einem Theater, in der Kulturpolitik. Sören Fenner zum Beispiel war lange als Musicalsänger erfolgreich, hatte mit theaterjobs.de eine tolle Idee, hat sie umgesetzt, manche Jahre gekrampft und jetzt mit Theapolis ein business, das Künstler:innen hilft und dazu noch gutes Geld abwirft.

Der Tenor Marc Haffner braut jetzt seine eigene Biersorte und ist damit SEHR erfolgreich.

Hauptsache du findest etwas, das dich begeistert, damit du das Singen nicht allzusehr vermisst.

Unser Beruf ist ein Traum, solange alles gut geht – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als diese unerklärbare Energie, die durch uns durchströmt und uns erfüllt, wenn eine Vorstellung gut läuft! ABER es ist ein Beruf, der gute Planung verlangt, damit er uns (solistisch) lange genug ernährt und uns im Alter ein würdiges Leben ermöglicht.

Sei gewappnet und sorge vor!

Bis bald auf diesem BLOG,

Pass auf dich auf!

hedwig

links:
Susanne Petridis

Sören Fenner / Theapolis

Marc Haffner/Brotonia-Bier

 

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hedwig fassbender
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