1. Juni 2022

Vocal Coaching/Korrepetition

Das Dilemma der Korrepetition

Dieser Blogbeitrag widmet sich der delikaten Situation, in die Sänger:innen geraten können, wenn sie mit Korrepetitor:innen arbeiten, die nicht nur musikalische Arbeit machen, sondern auch gesangstechnische Hilfestellungen leisten möchten.

Korrepetitor:innen zeichnen sich aus durch eine große Liebe zur Gesangsstimme, eine große Kenntnis des Repertoires, ihre stilistische Sicherheit, Vertrautheit mit Verzierungen. Sie wissen, wie man Phrasen beginnt und endet, welche Artikulation wo verwendet wird; sie können helfen den Aufbau einer Partie zu erkennen und zu begreifen, sie wissen, welche Instrumente wo zu hören sind und welche Einsätze der Chor dringend auch dann braucht, wenn man den Rest markieren muss. Sie können uns helfen die „richtigen“ Klavierauszüge zu wählen und uns mit dem Begreifen der Struktur eines Werkes zur Seite stehen.
Das sind eine Menge Wissen und Fähigkeiten.

Korrepetitor:innen sind unsere wichtigsten musikalischen Partner.
Sie kennen unsere rhythmischen, intonatorischen, interpretatorischen, strukturellen, musiktheoretischen und sogar unsere intellektuellen Schwächen. Korrepetitor:innen haben Klavier bzw Dirigieren und/oder gar Korrepetition studiert. Ein langes und anspruchsvolles Studium. Ein anspruchsvoller Beruf.

Sänger:innen haben Gesang studiert, ein mindestens 6jähriges, anspruchsvolles Studium. Ein anspruchsvoller Beruf. Die größte Herausforderung des Sängerberufs liegt in der Tatsache begründet, dass man die eigene Stimme im Moment der Tonproduktion nur bedingt beurteilen kann, weil die Ohren am Kopf festgewachsen und so mit dem oberen Resonanzkörper verbunden sind. Säßen Ohren an den Knien, wäre das Leben für Sänger weit einfacher. Die zweite Herausforderung betrifft die Tatsache, dass wir mit „living material“ arbeiten, das sich dauernd verändert. Das verbindet uns Sänger mit den Tänzern und Schauspielern – der sich ständig verändernde Körper ist unser Instrument.

Der Sängerberuf bedingt (Sänger-)zeitlebens ein paar Ohren von außen UND eine regelmäßige gesangstechnische Kontrolle. Sänger:innen benötigen neben der musikalischen auch die professionelle fachliche Kontrolle. Nicht jede Woche, aber sicher zweimal im Jahr. Wer ein paar Jahre ohne gute gesangstechnische Kontrolle gearbeitet hat, weiß, dass man so in Schwierigkeiten kommen kann, besonders, wenn die Stimme sich (mal wieder) verändert. Die fachliche Kontrolle sollte jemandem anvertraut werden, der Gesang studiert hat und sich nicht nur genau auskennt mit den physischen (und psychischen) Hochs und Tiefs dieses Berufs, sondern auch genau weiß, wie sich professionelles Singen anfühlt.

Es gibt ein von Mitgliedern von Opernstudios vielzitiertes Dilemma: Korrepetitor:innen versuchen durch gesangstechnische Tipps zu helfen, jede/r versucht es auf eine andere Weise, will dabei nur das Beste, und nach ein paar Monaten sind junge Sänger:innen komplett verwirrt und verlieren im schlimmsten Fall das, was sie konnten, bevor sie am Studio angefangen hatten und weswegen sie engagiert wurden: richtig gut singen.

Nach der Zeit an der Hochschule, während der man zweimal die Woche eine technische Kontrolle hatte, ist man nun plötzlich auf sich allein gestellt – fühlt sich erst mal toll an, aber allzu lange sollte man nicht ohne einen Gesangslehrer oder eine Gesangslehrerin sein, auf den oder die man im Krisenfall zurückgreifen kann.

Für Sänger:innen:
Der erste Schritt für uns von der Sangeszunft ist, zu übersetzen: was habe ich technisch Seltsames fabriziert, wenn es in der Korrepetitionsstunde heißt „das klingt irgendwie gequetscht“? Dann kann ich erst einmal selber mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, die Sache zu beheben und, wenn ich nicht weiterkomme, (m)eine sängerische Fachperson zu Rate ziehen.
Was tun, wenn ich in der Korrepetition gesangstechnische Anweisungen von Korrepetitor:innen bekomme, die für mich verwirrend sind?

Ich sage: „Danke für den Hinweis, das Problem ist erkannt, die technischen Dinge kläre ich vor unserer nächsten Stunde mit meinem Gesangslehrer/ mit meiner Gesangslehrerin“. Wenn man die gesangstechnisch betreuende Person gut kennt, geht zur Not auch eine Einheit über FaceTime oder WhatsApp (die als reine Sprachprogramme konzipierten Skype oder Zoom funktionieren nicht wirklich). Das Wissen um die Tatsache, dass es noch jemanden gibt, der sich der technischen Dinge annimmt, entlastet die Korrepetitor:innen, weil sie sich (dem Opernhaus gegenüber!) nicht mehr für alles verantwortlich fühlen müssen. Das bedeutet aber auch, dass ich als Sänger/Sängerin eine Person haben MUSS, der ich technisch vertraue und die mir gesangstechnisch fundiert helfen kann und weiß, was für welches Problem/für welchen Sänger oder welche Sängerin in welchem Moment passt.

Es gehört zur Eigenverantwortung einer jeden Sängerin und jeden Sängers, sich regelmäßig gesangstechnisch beraten zu lassen. Diese Verantwortung können wir nicht auf die Korrepetitor:innen abwälzen.

Für Korrepetitor:innen
Ich höre die Korrepetitoren sagen: “und ich soll jetzt stumm sein, wenn ich höre, dass technisch etwas nicht stimmt?“ – Nein, natürlich nicht! Wir brauchen Euch dringend, damit Ihr uns darauf hinweist, wenn etwas schief oder seltsam klingt, sich gestemmt anhört, geknödelt, gedrückt, gequetscht, unfokussiert, mit zu viel Luft, zu eng, zu weit hinten etc.
Wir brauchen Eure Ohren und Eure Analyse, aber LÖSEN müsst/solltet Ihr die Probleme nicht, dafür sind die technischen Fachleute da.
So wie wir euch nicht versuchen sollten zu zeigen, wie man Triller spielt, gibt es Spezialisten, die uns zeigen können, wie wir uns gesangstechnisch verbessern können.
Es ist sehr wohl die Aufgabe von Korrepetitor:innen, gesangstechnische Probleme zu erkennen und sie zu benennen, es ist aber nicht die Aufgabe von Korrepetitor:innen gesangstechnische Probleme zu lösen.

Die besten Korrepetitionsstunden hatte ich mit den Kolleg:innen, die musikalisch so fantastisch arbeiten, dass man gleich besser singt und sich manche technischen Probleme über die Musik lösen.

Und das Wort zum Schluss: wenn Du einen Vocal Coach hast, der kein Sänger ist und Dir trotzdem gesangstechnisch hilft – bleib dort – Ausnahmen bestätigen die Regel:)

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hedwig fassbender
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