12. Dezember 2020

MENOPAUSE – die große Herausforderung

Ein Artikel für Frauen und für die Männer, die sich die Mühe machen wollen, uns besser zu verstehen. Dafür Danke im Voraus!

MENOPAUSE – WECHSELJAHRE

Allein schon diese Begriffe:

Pause –Meno– Wechsel – Jahre (!)

Es soll Kolleginnen geben, denen macht die Menopause nichts aus: sie schwitzen nicht, schlafen durch, sind weiterhin ruhig und freundlich, haben keine Panikattacken, ihre Stimmen bleiben unangetastet und sie haben immer die gleiche zauberhafte Gesichtsfarbe.

Falls Du zu diesen Aliens gehörst, musst Du nicht weiterlesen – der Rest ist für normale Menschen geschrieben.

Meine Geschichte

Es fing ganz leise an: ich stand in einem sehr warmen Kostüm bei einer Anprobe, der Kostümbildner saß dekorativ hingegossen auf einem Sessel und schaute sich sein Werk an. Ich begann zu schwitzen, normal unter dem Scheinwerfer in Lyon bei 27° Außentemperatur und einem Wollkostüm mit Pelz-gefüttertem Mantel drüber. Aber irgendetwas war anders. Es kroch von unten hoch bis ins Gesicht. Für einen Moment dachte ich „Oh Gott, das sind die Wechseljahre, ich bin doch erst 46“, aber dann schob ich den Gedanken weg, es wiederholte sich nicht mehr an dem Tag und nicht in der Woche. Aber ab und zu meldeten sich die Vorboten…

Dr. Google unterrichtete mich darüber, dass diese Phase im Leben einer Frau die längste „Übergangszeit“ sei und bis zu 14 Jahren dauern könne. Na dann Prost!

Ich war dankbar dafür, dass meine Familienplanung seit langem abgeschlossen war – zwischen nicht mehr wollen und nicht mehr können liegen Welten!

Meine Mutter kam mir in den Sinn, ihre scheußlichen Zustände, wie stolz sie war, nichts zu nehmen, sondern diese Attacken still, mit rotem Kopf, Migräne und schlechten Nerven zu erdulden. Meine Patentante sagte später einmal „Jaja, das war die Zeit Jacke an – Jacke aus – Jacke an – Jacke aus“. Meine Schwiegermutter, als ich sie fragte, ob sie Symptome gehabt habe, sagte verwundert: „Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt, ich habe gar nichts bemerkt“. So unterschiedlich war es wohl immer schon!

Was mich am meisten belastete war der Schlafmangel: Durchschlafen war schon lange nicht mehr möglich, die Schlafqualität erinnerte ein wenig an den leichten Schlaf, wenn ein Baby oder Kleinkind im Haus ist. Ich hatte Mühe, in der Hochschule bei Sitzungen nicht einzuschlafen, und auch bei Studierenden-Konzerten befiel mich eine bleierne Müdigkeit, sobald das Saallicht gelöscht wurde (nein, das lag definitiv nicht an den Studierenden!). Als Kundry döste ich einmal während der Karfreitags-Vorstellung in Mannheim auf dem Blumenhügel ein und wurde gerade noch wach, bevor ich meinen Parsifal rufen musste.

Meine Stimme machte erst einmal normal weiter, auch als die Mens nach und nach aufhörte, und war zu Partien fähig, von denen ich nie zu träumen gewagt hatte: Fremde Fürstin und Isolde, Kundry, Sieglinde, Wozzeck-Marie… Ich war glücklich, dass ich mit den schweren Brocken gewartet hatte und sie mir jetzt zufielen, wo ich noch frisch klang.

Das Schwitzen war gar nicht so schlimm – dagegen ist „Jacke an – Jacke aus“ tatsächlich eine gute Möglichkeit. Aber die Panik, die bei jeder Hitzewelle mit hochkroch, war extrem unangenehm, vor allem in Momenten, in denen eine gewisse coolness anderen gegenüber angebracht gewesen wäre. Mein Mann und meine Töchter waren sehr verständnisvoll und unterstützten mich, wie es nur ging. Meine Hochschul-Kollegen dachten sich wahrscheinlich ihren Teil. In meiner Familie gab es Fällen von Depression und ich hatte große Angst, dass ich bald auch dazu gehören könnte. Ich begann morgens zu laufen – das war eine gute Methode.  Gegen die Schwitzerei und das Nicht-Schlafen nahm ich Sojapillen, Rotklee und was sonst frei verkäuflich war.           Stimmlich klappte alles ganz gut – bis es eben nicht mehr funktionierte: da war ich 52, meine Höhe krachte ab Fis, egal, wie schlank ich durchs Passaggio ging. Und ich hatte die schwerste Partie zu bewältigen, die mir je untergekommen war: Dukas‘ Ariane. Dagegen war Isolde fast ein Spaziergang!

Ich wollte keine Pillen schlucken, wusste aber, dass es so nicht weitergehen konnte. Jemand kannte jemanden, die jemanden kannte, der Scheidenzäpfchen mixte, die in der Apotheke hergestellt werden mussten. Die halfen tatsächlich schon in kürzester Zeit – bis die Schilddrüse wegen der hohen Östrogen-Dosis anfing zu wachsen und auf die Stimmbänder drückte. Nach einer Dosis-Reduzierung kehrte dann allmählich Ruhe ein und ich konnte wieder fast „normal“ singen, also mit meinen gewöhnlichen Stärken und Schwächen. Was blieb, war das, was ein befreundeter Dirigent mit einem Augenzwinkern als „foggy bottom“ bezeichnete – also eine Schwäche in der unteren Mittellage. Die Hormone ließen mich nicht besser singen als vorher, es sind keine Wundermittel – aber sie sicherten mein sängerisches Überleben für ein weiteres Dutzend Jahre.

So, das war jetzt meine Geschichte.

Deine wird anders sein, die der Kollegin wieder anders – so wie sich Geburtserlebnisse von Frauen unterscheiden. So wie jede immer wieder neue Erfahrungen macht mit ihrer Periode, so ist auch der Weg in und durch die Menopause für jede anders.

Wichtig für Sängerinnen ist:

Falls Du stark betroffen bist, wirst du wahrscheinlich ohne Hormone irgendwann nicht mehr auskommen, wenn Du weitersingen möchtest. Denn Östrogen hält auch die Stimmlippen geschmeidig.

Es gibt Pillen, Pflaster, Creme zum Auftragen auf die Innenseite der Oberschenkel (!) oder Unterarme, Vaginalcreme etc etc.

Du wirst wahrscheinlich eine Zeitlang brauchen, bevor Du das richtige Medikament/die passende Dosis gefunden hast. Und eventuell wirst Du Deiner Frauenärztin erklären müssen, dass auch Vaginal-Suppositorien helfen können – meine hielt das anfangs für Humbug. Erkläre Deiner Ärztin genau, warum und wozu Du sie aufsuchst. GEDULD ist das Zauberwort (auch wenn Du gerade keine hast). Dass Du dann weiterhin regelmäßig zur Krebs-Vorsorge gehst, versteht sich von selbst!

Lass Dich nicht entmutigen – wenn das Medikament endlich stimmt, dann kann man wieder

  • Singen
  • Schlafen
  • Gerecht sein
  • Weise sein
  • Diskutieren ohne auszuflippen
  • Spaß im Bett haben (stimmt, da war ja noch ‚was)

Erst wenn wieder alles „im Lot“ ist, wirst Du merken, wie sehr Du neben der Spur warst (oder eben auch nicht).

Wie gesagt: manche Frauen merken von alledem nichts und für manche Sängerinnen reichen die Naturheilmittel – umso besser!!

Was Du außerdem noch tun kannst und was vielleicht sogar die Hormone ersetzen kann oder die Einnahme zeitlich nach hinten schieben:

(Jetzt geht es um Bewegung und gesunde Ernährung – wenn Du das nicht lesen möchtest, nimm die Pillen gleich und spring ans Ende des Artikels) 

Frischluft

…hat mich gerettet. Morgens laufen und die kühle Luft am Gesicht spüren bescherte mir absolute Glücksmomente, bevor ich zur Probe oder in die Hochschule ging. Ich laufe auch heute noch nur im Schneckentempo, aber ich bewege mich und es tut mir gut! Es macht außerdem stolz, die innere Schweinehündin überwunden zu haben. Heute laufe ich fast lieber in der Abend-Dämmerung, aber heute bin ich auch mit den Wechseljahren „durch“…

Yoga

…hat mein Leben verändert. Ich habe es leider erst nach der Menopause entdeckt. Die Zentriertheit, das Sich-Konzentrieren auf den Atem, die Beweglichkeit, Kraft (und nicht zuletzt auch die größere Straffheit der Oberarme;)), die die Yoga-Praktik vermittelt, waren für mich bahnbrechend. Auch Rückenprobleme, die mich regelmäßig begleitet haben, gehören der Vergangenheit an. Wichtig dabei ist, sich nicht in einen Kurs zu stürzen, sondern zuerst, am besten in 1:1 – Sitzungen mit einem erfahrenen Yoga-Lehrer, die genau richtigen Positionen zu erlernen – sonst kannst Du Dir sehr weh tun…Es gibt mittlerweile spezielles Hormon-Yoga; auf jeden Fall einen Versuch wert, sobald Du etwas sicherer auf der Matte stehst.

 Ernährung

Das Produzieren von fruchtbaren Eierchen kostet ca. 300 Kalorien täglich (!) (du kannst das auch in Joule umrechnen, das macht es aber eher noch schlimmer und ändert nichts am niederschmetternden Ergebnis.)

300 Kalorien, das sind:

  • 1 Croissant (wenn jemand von der Familie die Spitze schon abgebissen hat)
  • 2 Rührei mit Brot und BISSCHEN Butter
  • 1 1/2 Brötchen mit Marmelade/Käse und GENUG Butter
  • Ein leckeres Müsli mit Obst und Nüssen
  • Ein Riesen Caffe latte mit Vollmilch
  • Und und und

ENTWEDER Du gehst jetzt auf Dauerdiät oder Du akzeptierst, dass du in den nächsten 10 Jahren ein paar kilo mehr zu tragen hast – Menopause ist schon anstrengend genug, daneben noch eine Diät zu machen ist fast illusorisch. Fakt ist aber auch: wer „normal“ weiter isst, nimmt zu. Schau einfach, dass Du nicht zuviel zulegst. Kauf Dir Garderobe, die groß genug ist – wenn der Stress der Wechseljahre vorbei ist, geht auch das Abnehmen wieder leichter. Bisschen aufpassen mit dem Essen und mehr Bewegung helfen auf jeden Fall, damit aus den 5 kg mehr nicht 10 werden. Du kannst den Versuch machen auf Alkohol ganz zu verzichten und keinen oder weniger Kaffee zu trinken. Wenn es Dir dann besser geht, musst Du abwägen, ob Dir Dein Glas Wein am Abend ein paar Hitzewellen wert ist.

Die Haut

Vielleicht passt deine Hautpflege nicht mehr – es muss nicht das Teuerste sein, aber schau auf gute Inhaltsstoffe. Ob Du Nahrungsergänzungsmittel für die Schönheit nehmen möchtest, musst Du selbst entscheiden.

Kleine Schönheitsrituale beruhigen die aufgewühlte Seele. Das kann eine Dusche mit Orangen- oder Zitronen/Verbenenduft am Morgen sein oder Rosen-/Lavendelduft am Abend, nimm Dir Zeit beim Eincremen (die Haut wird trockener, also vergiss die Ellbogen und die Knie nicht, auch die Füße freuen sich über extra-Liebe).

Mentales – Zeit für Dich

Da die Menopause ähnlich der Pubertät mit Deiner Laune macht, was sie will, ist es wichtig ein wenig mehr Stabilität in Dein Leben zu bringen. Schon kleine Rituale, s.o., können helfen – abends den Tag Revue passieren lassen, (evtl. mithilfe einer App wie Calm), eine kleine Meditation machen. Manche Menschen beten morgens und abends; im Grunde auch eine kleine Meditation zum Tages-beginn bzw. -ausklang.

„The morning pages“ aus „The artist’s way“  können kleine Wunder bewirken – dafür setzt Du Dich morgens als erstes hin und schreibst genau 3 Seiten über das, was Dir gerade durch den Kopf schwirrt – Du wirst erstaunt sein, was da alles kommt…

Auch ein kleines Dankbarkeits-Buch, in das Du schreibst, für was Du dankbar bist im Leben, ist hilfreich. Wenn Du keine Schreiberin bist, dann nimm Dir Deine Dankbarkeitsliste auf dein Smartphone auf und höre sie morgens, bevor Du in Deinen Tag eintauchst.

Zeit zum Lernen von neuen Partien

Du wirst nach und nach länger brauchen eine neue Partie zu lernen – plane das ein; auch die Schnell-Lerner unter uns werden langsamer…

Einsingen

…sollte man immer, aber ab jetzt wirklich immer, sanft und liebevoll die Stimme wecken und sie besonders freundlich behandeln, öfter mal markieren in den Proben.

Neues

Die Menopause leitet einen neuen Lebensabschnitt ein (darüber mehr im nächsten BLOG).

Vielleicht magst selber Du etwas Neues starten? Du hast viel Lebens- und Berufs-Erfahrung gesammelt. Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, Dir allmählich ein zusätzliches Standbein aufzubauen. Du findest eine Unzahl online-Möglichkeiten, es tut gut neue Menschen kennenzulernen, andere Sichtweisen zu entdecken. Life-Long-Learning hält fit im Kopf!

Umgib Dich nicht ausschließlich mit Menschen Deiner Altersgruppe. Auch die 15-30jährigen sind sehr klug, und man kann von ihnen etwas lernen.

Positives

Das Leben ohne Periode hat auch sein Gutes: Man hat nicht mehr jeden Monat Bauchweh, spart die Kosten für Monatshygiene, die Stimmung ist ebenmäßiger, die Stimme immer gleich und PMS gehört der Vergangenheit an!

Sprich mit anderen Frauen

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich die Probleme im Zusammenhang mit der Menopause angesprochen habe, andere Frauen/andere Sängerinnen dankbar für einen Austausch waren. Außerdem hat immer noch jemand ein neues Naturheilmittel, ein neues Hormonprodukt oder Ärztinnen entdeckt, die auf Sängerinnen mit Hormon-Umstellung spezialisiert sind .

DU BIST NICHT ALLEIN!

In diesem Sinne:

Komm gut durch diese nicht immer einfache, aber erhellende Zeit – am Ende des Tunnels wartet noch Leben auf Dich!

Bis bald,

alles Gute!

hedwig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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hedwig fassbender
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