27. August 2019

Hilfe, ich bin Professor*in

Was jetzt zu tun ist – Was dir klar sein sollte – Meine Empfehlungen – Deine Klasse – Was noch zu tun ist

Dieser Beitrag ist nicht als Belehrung gedacht, sondern soll frisch gebackenen Professor*innen helfen, sich in den ersten Monaten ein wenig leichter zurechtzufinden im Hochschul-Dickicht. 

Herzlichen Glückwunsch!

Du hast dich auf mehrere Professuren beworben, das ganze lange Verfahren durchlaufen und jetzt hat es tatsächlich geklappt: du hast eine Stelle als Professor*in. Was ist jetzt zu tun?

Das Wichtigste ist: Ruhe bewahren! Das erste Jahr an der Hochschule ist ein wenig wie das erste Jahr an der Uni, damals, als du anfingst zu studieren. Der Unterschied: man erwartet von einer Professorin/einem Professor, dass sie/er sich größtenteils allein zurechtfindet.

Was sagst du deiner Künstleragentur?

Manche Agenturen sehen die Unterrichtstätigkeit ihrer Sänger*innen kritisch, weil sie der Meinung sind, dass du dann als Sänger*in nicht mehr so ernstgenommen wirst. Erkläre den Menschen dort, warum dir Unterrichten wichtig ist und auch, wie du dir die Zusammenarbeit in Zukunft vorstellst. Du wirst sicher nicht alle Produktionen annehmen können, aber ich rate dir unbedingt weiter aufzutreten, solange du noch Lust darauf hast, Angebote bekommst und deine Stimme mitmacht. Für deine Studierenden ist es interessant, wenn sie dich auf der Bühne sehen können. Auf deiner website könntest du für die Informationen über deine Unterrichtstätigkeit einen eigenen Bereich einrichten…

Was man gerne vergisst:

Hochschul-Arbeit bedeutet:

  • deine Studierenden zu unterrichten
  • die Klassenabende/szenischen Abende/sonstige Abende deiner Abteilung/Fachgruppe zu besuchen
  • dich in die Akademische Selbstverwaltung einzubringen
  • bildungspolitisch wirksam sein zu können

Was ich dir empfehlen würde:

  • Studiere ganz genau die Website deiner künftigen Arbeitsstätte. Wahrscheinlich hast du das bei der Bewerbung schon getan, aber jetzt hat es eine neue „Dringlichkeit“. Je besser du über die website mit den Eigenheiten deines Instituts vertraut bist, desto leichter wird dir die erste Zeit fallen.
  • Bitte eine der Kolleg*innen, die schon länger dort sind, dir die Vorgehensweisen innerhalb der Abteilung /der Hochschule zu erklären. Wenn es eine Ausbildungsdirektion gibt, frage dort.
  • Hüte dich vor Tratsch – je neutraler du bleibst, desto freier kannst du arbeiten.

Was du verstehen solltest:

1. Die Struktur deiner Hochschule

Im deutschen Föderalismus ist die Kultur Länderhoheit und darüberhinaus hat jede Hochschule ihre eigenen gewachsenen Strukturen und ihre eigenen Terminologien. Was in einer Hochschule „Ausbildungsdirektor*in“ heißt, ist in der anderen die „Studiendekan*in“ …. Nicht verzweifeln, es reicht, wenn du die Struktur deiner eigenen Hochschule kennst.

2. Die Hierarchien

Aus den Strukturen lassen sich auch die Hierarchien ableiten. Grundsätzlich gilt: Die Hierarchien an einer Hochschule sind  v i e l  flacher als am Theater. Die Hochschulleitung hat Sonderrechte, alle anderen sind Kollegen, auch dann, wenn sie in der akademischen Selbstverwaltung eine Sonderstellung haben.

3. Die akademische Selbstverwaltung – der größte Balance-Akt

Aktiv sein, ohne sich auffressen zu lassen. Hinter dem freundlichen Ausdruck „Akademische Selbstverwaltung“ verbirgt sich eine Menge Arbeit. Du hast in deinem Vertrag unterschrieben, dass du dich in die akademische Selbstverwaltung einbringst. Das ist heute Standard, die Mitarbeit in Gremien ist ausdrücklich erwünscht und kann sehr sinnvoll sein. Das ist der Hauptgrund für die andere Klausel im Vertrag, die sinngemäß heißt, dass du dich verpflichtest, deinen Wohnort in die Nähe der Hochschule zu verlegen. Denn wenn „der/die Neue“ sich nicht einbringt, bleibt alle Arbeit wieder an den anderen Kollegen hängen.

Wenn es einen Fachbereichsrat, Abteilungsrat o.ä. gibt, kann es sehr hilfreich sein, eine oder mehrere Sitzungen zu besuchen um zu wissen, was gerade im eigenen Fachbereich und auch in der gesamten Hochschule ansteht.

In meinen Jahren als Ausbildungsdirektorin und Dekanin habe ich oft weit mehr Stunden mit der akademischen Selbstverwaltung als mit dem Unterrichten zugebracht. Das war manchmal sehr ermüdend, aber nur so kann man tatsächlich Dinge initiieren und mit den Kolleg*innen gemeinsam umsetzen.
Natürlich fehlt diese Zeit dann im Privatleben…
Wenn Du langsam im eigenen Ausbildungsbereich beginnst und dich allmählich in die anderen Arbeitskreise und Gremien vorarbeitest, behältst du den Überblick, damit du am Ende nicht zu viele Gremien „an der Backe“ hast. Es sind nämlich auch an den Hochschulen immer dieselben Kolleg*innen, die sich einbringen….

4. Die Bologna-Reform

Die Bologna-Reform, also die Aufteilung des Studiums in Bachelor- und Masterstudium ist etwas, mit dem du dich, zumindest in Grundzügen, auseinandersetzen solltest. Diese Reform war dafür gedacht, dass Studierende ein Auslandsjahr (Erasmus-Jahr) machen können und dabei die gleichen „Credits“ wie im eigenen Land bekommen.(European Credit Transfer System, ECTS) Auch Lehrende können im Rahmen des Bologna-Prozesses andere Hochschulen besuchen und dort unterrichten. Ein schöner Gedanke. Leider hat das zu sehr verschulten Studiengängen geführt, die dem künstlerischen Prozess nicht unbedingt förderlich sind. Der Möglichkeit des Scheiterns und Wieder-Aufstehens,  zwei für den Werdegang von Künstlern so wichtige Vorgänge, wird nur wenig Raum gegeben. Und ganz kompatibel sind die Hochschulen untereinander auch nicht, weil natürlich jedes Institut konkurrenzfähig sein möchte und dabei sein eigenes System entwirft….

Einen informativen Artikel gibt es bei Wikipedia, und fast jede Hochschule hat mittlerweile Bologna-Beauftragt, die dir das alles bestens erklären können.

Das Wichtigste: Deine Klasse

Als neue*r Professor*in hast du wahrscheinlich Studierende deiner Vorgängerin/deines Vorgängers übernommen. Vielleicht konntest du aber schon bei der Aufnahmeprüfung dabei sein und selber zusätzlich Studierende aussuchen. Zu Beginn deiner Hochschul-Lehrzeit werden sich vielleicht noch nicht viele Studierende in deine Klasse melden, vor allem, wenn du nicht an einer der Hochschulen in den „angesagten“ Städten Hamburg, Berlin oder München arbeitest. Das ist normal! Du musst dir erst einen Namen als Professor*in machen – gutes Marketing kann helfen, aber aller Anfang ist auch hier schwer. Nur Geduld!

Wie bekommst du eine gute Klasse?

Im Märchen kann vielleicht Stroh zu Gold gesponnen werden, im Leben ist das anders. Wenn eine Stimme kein angenehmes oder „besonderes“ Timbre hat, wird auch deine beste Technik für diesen jungen Menschen keine erfolgreiche Sängerkarriere zaubern können. Mit etwas Übung lernt man erkennen, ob die Stimme von Natur aus nicht besonders „interessant“ ist oder ob sie technisch „verbogen“ ist. Letzteres ist heilbar, ersteres nicht.

Ich kann dir nur raten bei den Aufnahmeprüfungen strenge Kriterien anzulegen und nur Sänger*innen in deine Klasse aufzunehmen, von denen du überzeugt bist, dass sie ihren Lebensunterhalt mit Singen verdienen können werden, sei es als Chorist oder Solist. Wir wissen alle, wie schwer der Sängerberuf ist. Falsche Hoffnungen zu wecken halte ich für absolut verantwortungslos.

Man kann in der Aufnahmeprüfung erkennen

  • ob jemand eine schöne Stimme hat
  • ob jemand lebendig ist
  • ob jemand musikalisch ist
  • ob jemand etwas vermitteln kann

Was man nicht sehen kann:

  • ob jemand fleißig ist
  • ob jemand gute soziale Kompetenzen hat
  • ob jemand psychisch die genügende Stabilität besitzt
  • ob jemand eine stabile Gesundheit hat

Wenn ich bei einer Kandidatin/einem Kandidaten die ersten Punkte mit „Ja“ beantworten konnte, mir aber trotzdem nicht sicher war, ob ich sie/ihn  in meine Klasse aufnehmen sollte, habe ich mich immer gefragt, ob ich mich freue, wenn die Türe aufgeht und dieser junge Mensch zum Unterricht kommt…

Dein Unterricht

Technik

Sicher hast du dein eigenes Unterrichtskonzept.
Eine Sache aber muss uns Gesangsdozent*innen klar sein: Wir sind (als einzige) für die Gesangstechnik zuständig! Das heißt nicht, dass wir keine inhaltlichen und musikalischen Fragen behandeln dürfen, aber wenn wir keine Technik unterrichten – wer dann?!

Klassenstunden

Klassenstunden kann ich wärmstens empfehlen! Ob man das jede Woche, 14tägig oder einmal im Monat macht ist unerheblich, Hauptsache, dass! Vorsingen üben im geschützten Rahmen der Klasse ist ein super Training. Entwickele dein eigenes Konzept für die Klassenstunden und scheue dich nicht vor neuen Wegen.

Ein Wort zum Schluss:

Gesangsunterricht ist Unterricht, der ohne Nähe schlecht funktioniert. Wir sollten jedoch nie vergessen, dass wir weder die Eltern noch die Freunde unserer Studierenden sind. Solange sie bei uns studieren und wir sie benoten (!) ist eine gewisse professionelle Distanz wichtig. Die kann durchaus warmherzig gestaltet sein, nur sollten wir uns vor emotionaler Übergriffigkeit hüten, und sei sie noch so gut gemeint. Wenn sich nach dem Studium dann Freundschaften entwickeln – umso besser!

Alles erdenklich Gute auf deinem Weg ein ganz besonderer Professor/eine ganz besondere Professorin zu werden!

Navigieren
Teilen
hedwig fassbender
Contact Icon