20. Mai 2021

Alkohol, Corona und wir

„Hast du Kummer mit den deinen – trink dich einen.
Ist der Kummer dann vorbei – trink dich zwei.“

Mit diesem rheinländischen Spruch bin ich aufgewachsen. Dem Alkohol wurden durchweg nur gute Eigenschaften zugesprochen – Tröster bei Kummer, Begießen aller wichtiger Lebensereignisse von der Taufe über Familienfeiern, Geburtstage von Freunden, Hochzeit, Kindstaufe/n bis hin zum Leichenschmaus… Und wer einen über den Durst getrunken hatte, der konnte (und kann) sich der Sympathie der Bekannten, Verwandten und Freunde sicher sein.

Ich finde es beruhigend zu beobachten, dass unter den Studierenden und den Mitgliedern der Opernstudios eine zunehmend große Anzahl junger Menschen keinen oder kaum Alkohol trinkt.

In meiner Generation und in der der jetzt 40 bis 50-jährigen jedoch ist Alkohol der ständige zuverlässige Begleiter in allen Lebenslagen. Alkohol ist die einzige Droge, bei der man in Gesellschaft nach einer „Entschuldigung“ sucht, wenn man sie NICHT konsumiert.

Nikotinsucht ist längst als ernstes Problem erkannt, die Rauchschwaden aus den Lokalen verschwunden. Man kann sich nicht mehr vorstellen, dass in Haushalten, in Restaurants geraucht wurde und sich kaum daran erinnern, wie man den Gestank tagelang nicht aus der Wohnung, den Kleidern, von Haut und Haaren bekam.

Alkohol aber ist auch aus unserem „Milieu“ kaum wegzudenken: der Sekt/Champagner nach der Premiere, das Glas/die Gläser nach einem schweren Probentag, das Sektchen der Drei Damen zwischen dem vorletzten und letzten Ensemble, der echte Rotwein im dritten Akt Rosenkavalier. Und dann natürlich das Bierchen/Weinchen, weil man eben KEINE Vorstellung hat und sich was gönnt, vom Urlaub ganz zu schweigen.

Alkohol ist (immer noch) sehr positiv besetzt, auch in Opernkreisen.

Warum halte ich mich gerade jetzt mit diesem Thema auf?

Ich will ein wenig ausholen:
Singen setzt Endorphine frei; dieser Neurotransmitter sorgt dafür, dass wir uns beschwingt fühlen, das Schmerzempfinden reduziert wird und wir positive Energie haben. Singen macht nachweislich glücklich, das Glück wird vervielfacht durch das Singen mit Orchester, einem tollen Pianisten, im Ensemble mit anderen Sänger:innen, kurz, mit anderen zusammen…Dann die Interaktion mit dem Publikum – diese Energiewellen, die man als Sänger sehr gut spürt, der Moment „wenn du sie hast“ und die Emotionen, die du mit deinem Gesang auslöst wieder zu dir zurückkommen und dir neue Energie geben.

Das alles ist der wunderbarste Beruf der Welt – wenn er denn stattfindet.

DANN KAM COVID

Kein Orchester, keine Kollegen, kein Publikum, für etliche unter uns nicht einmal mehr die Möglichkeit zu singen – wegen der Nachbarn – man geht ja gerne in die Oper, aber zuhause möchte man damit nicht belästigt werden, ganz nach Wilhelm Busch:

Musik wird oft nicht schön gefunden,
weil sie stets mit Geräusch verbunden.

Während der Covid-Wellen waren unsere Mitmenschen auch zu Hause und entsprechend gereizt.

Kein Glück durch Singen – was nun?

Alkohol löst in kürzester Zeit einen Dopamin-Ausstoß aus. Dopamin ist ein anderer der Neuro-Transmitter, die für Glücksgefühle sorgen können – das nette Schwipsgefühl nach dem ersten Glas, je nach Mageninhalt schon nach wenigen Minuten. Dann sieht alles nicht mehr so schlimm aus. Dieser Zustand hält ca. 20-30 Minuten an. Danach beginnt der Körper, der von Natur aus um Gleichgewicht bemüht ist, das plötzliche Ungleichgewicht des Dopamin-Überschusses auszugleichen und produziert u.a. das Stresshormon Cortisol als Gegengift (Tristan, 1. Akt, wir erinnern uns „für böse Gifte Gegengifte“). Das lässt das Dopamin schnell nach unten sinken und das einzige, das dagegen zu helfen scheint ist, na? Genau: das nächste Glas. Kein Zustand danach ist mehr so „schön“ wie der erste Schwips, aber der Körper sucht weiter nach dem ersten „Kick“. So kann Abhängigkeit entstehen.

Ich habe während des Lockdowns nach einiger Zeit täglich „mein Glas Wein“ getrunken, eins beim Kochen (für den ersten erleichternden Schwips) und dann oft zum Essen noch eins. Manchmal war es auch eine halbe Flasche. „Na und?“ sagt jetzt der Badenser – „des isch grad amol a Viertele und a Achtele“… Ich hasse es betrunken zu sein; das hat mich wahrscheinlich vor mehr gerettet; aber irgendwann habe ich angefangen, über diese Regelmäßigkeit des Alkohols in meinem Lockdown-Leben nachzudenken. Ich telefonierte mit Kolleg:innen und stellte fest, dass es vielen so erging – so allmählich rutschten wir in eine kollektive Trunkenheit. Als aktive/r Sänger:in kann man gar nicht sehr über die Stränge schlagen, weil die komplizierte Koordination des Stimmapparates und Saufen sich absolut nicht vertragen. Aber nun schien Alkohol für viele von uns ein echter Trost zu sein.

ALKOHOL MACHT ABHÄNGIG – Punkt – darüber müssen wir nicht diskutieren, das ist wissenschaftlich erwiesen. Und zwar scheint es ziemlich egal zu sein, ob du dich täglich ins Koma säufst oder nur regelmäßig ein bisschen trinkst – auch das kann abhängig machen. Die Geschichte mit dem „Alkohol-Gen“, das manche von uns in sich tragen und andere nicht, ist übrigens mittlerweile auch sehr umstritten. Der Stoff ist schuld, nicht unsere Gene. Aber die familiären Gewohnheiten, siehe Anfang des Artikels, machen etwas mit uns.

Die neuesten Forschungen ergeben sinngemäß, dass Menschen, die ein Glas trinken können und dann aufhören, einfach „noch nicht so weit“ sind. Aber wenn du nur ab und zu was trinkst und dich ansonsten das Thema Alkohol kalt lässt, musst du jetzt nicht weiterlesen.

Wie kommen wir, die wir Schwierigkeiten damit haben, nur ab und zu etwas zu trinken oder nach einem Gläschen aufzuhören, jetzt da wieder ‚raus? Das Ende des Lockdowns „droht“ und diejenigen von uns, die tiefer gerutscht sind, als sie wollten, könnten tatsächlich ein Problem bekommen…

Die WHO (World Health Organization) und die deutsche Gesellschaft für Suchtfragen kommen in den neuesten Studien zu folgendem Ergebnis:

Unbedenklich ist der Alkoholkonsum, wenn man:

  • an mindestens zwei Tagen pro Woche keinen Alkohol trinkt.
  • als Frau nicht mehr als 12 Gramm Alkohol pro Tag trinkt, also nicht mehr als ein kleines Glas Wein (0,125 Liter). Dies entspricht über eine Woche verteilt bei zwei alkoholfreien Tagen 60 Gramm.
  • als Mann nicht mehr als 24 Gramm Alkohol pro Tag trinkt, also zwei kleine Gläser Bier (0,6 Liter). Dies entspricht über eine Woche verteilt bei zwei alkoholfreien Tagen 120 Gramm.

Für den deutschen Durchschnittstrinker ist das gleich nichts! (für den französischen auch; ich nehme diese Beispiele, weil ich in beiden Ländern lebe und mich gut auskenne.)

Such jetzt bitte nicht nach den Internet-Tests, in denen du herausfinden kannst, ob du ein Alkoholproblem hast! Die neuesten Test ergeben wahrscheinlich, dass du eins hast, die „freundlicheren“ älteren Tests sind da etwas großzügiger.

Wann haben wir ein Alkoholproblem?

  • Wir haben dann ein Alkoholproblem, wenn wir uns öfters fragen, ob es nicht besser wäre, wenn wir weniger trinken würden.
  • Wir haben dann ein Problem, wenn das 18-Uhr-Gefühl (das kann sich leicht nach vorne oder hinten verschieben) uns signalisiert, dass wir jetzt ein Gläschen zur Entspannung möchten.
  • Wir haben dann ein Problem, wenn wir uns morgens (oder, eher noch, nachts zwischen 3 und 4) sagen, dass wir heute besser nichts trinken und uns Strategien ausdenken wie „Nie vor 18:00 Uhr – nur am Wochenende – nur 3 mal pro Woche – keine harten Sachen etc etc.“. Wenn das Denken an Alkohol immer häufiger vorkommt, ist es an der Zeit etwas zu unternehmen.

Aber Rotwein ist doch gesund, oder?
Die neuesten Untersuchungen sind da sehr eindeutig und die Artikel über das angeblich gesunde Glas Rotwein (wegen des Herzens) sind meist von der Alkohol-Industrie gesponsert.

In einem Artikel von 2021 heißt es:
Das Forscherteam nahm in seinem Artikel in den „Biology Letters” der britischen Royal Society Studien zur gesundheitsfördernden Wirkung von Rotwein genau unter die Lupe. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Vermarktung von Rotwein als Gesundheits-Trunk nach heutigem Erkenntnisstand unangemessen ist. Zwar ist eine lebensverlängernde Wirkung von Resveratrol, dem entscheidenden Stoff in den Weintrauben, bei niederen Lebewesen wie Hefen und Fadenwürmern eindeutig nachgewiesen, doch für Menschen ist das bis jetzt nicht der Fall.
Der ganze Artikel ist hier:

Da wir nun weder Hefen noch Fadenwürmer sind, bleibt festzustellen, dass Resveratrol zwar gesund sein kann, aber das kommt auch in rotem Traubensaft vor und muss zur Wirkung nicht unbedingt vergoren werden. Alkohol ist ein Zellgift, das jedes Organ des Körpers angreifen kann!

Eine Alkohol-Pause einzulegen wäre also ein guter erster Schritt. Da wir alle vor und nach dem Impfen am besten über eine längere Zeit keinen Alkohol trinken sollten, wäre JETZT eine besonders gute Zeit eine Pause einzulegen. (Es ist im übrigen nie zu früh mit dem Trinken aufzuhören;))

Wie kann man die Alkohol-Pause schaffen?
Helfen kann nur ein Umdenken, mit Willenskraft allein ist es viel zu anstrengend.

Man schafft es gut, wenn man zur Überzeugung gelangt,

  • dass die 20-30 Minuten Schwips es nicht wert sind, sich das Leben auf Dauer zu belasten,
  • dass Alkohol nicht dein Freund ist, sondern dein Feind,
  • dass du nicht einem Freund Adieu sagst, sondern einen schlimmen Feind auf Nimmerwiedersehen (oder zumindest für eine gewisse Zeit) in die Wüste schickst!
  • dass du nicht auf etwas verzichtest, sondern Freiheit gewinnst von etwas, das in deinem Leben viel zu viel Raum beansprucht!

Alkohol ist NICHT etwas, das die Lebensfreude auf Dauer erhöht. Alkohol kann im Gegenteil schwerste Depressionen auslösen, das hat die Wissenschaft in den letzten Jahren klar erforscht. Wenn sie schon soweit gewesen wäre, als mein Vater sich 2003 das Leben nahm, hätte es sicher nicht soweit kommen müssen. Er war aus einer Alkoholabhängigkeit (ausgelöst durch „ganz normales“ rheinisches Trinken) in eine schwere Depression gerutscht, der er nach über 20 Jahren selber ein Ende setzte.

Hilfe:
Bücher/Programme/Websites, die ich hilfreich finde (alle geschrieben von „strammen“ Alkoholikern, die irgendwann das Steuer herumgerissen haben – soweit muss es ja nicht kommen):

  • Daniel Schreiber: Nüchtern – Über das Trinken und das Glück – ein fabelhaft geschriebener Erlebnisbericht
  • Gaby Guzek/Dr. med. Bernd Guzek: Alkohol adé. Die arbeiten mit ziemlich vielen Zusatzstoffen wie GABA, Vitamine, Spurenelemente, mir zu kompliziert, aber anscheinend wirksam. Forum und kostenpflichtiges 30-Tage-Programm: www.alkohol-ade.com
  • Annie Grace: This Naked Mind und das 30-Tage-Programm “The Alcohol Experiment”. Recht unterhaltsam gemacht, Mix von Erfahrung, Küchenlatein und echter Wissenschaft; tägliche Videos, an Annie’s Stimmsitz darf man sich als Sänger:in allerdings nicht stören. Kostenfrei, donation-based.
  • Allen Carr: The easy way to control alcohol. Er überträgt sein erprobtes Anti-Rauchen-Konzept auf den Alkohol.
  • William Port: Alcohol explained – super Infos, sehr sachlich
  • Catherine Gray: Vom unerwarteten Vergnügen nüchtern zu sein/The unexpected joy of being sober. Journalistisch, gut zu lesen
  • kenn-dein-limit.de – DIE deutsche Sucht-Seite
  • Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer: Lieber schlau als blau. Wissenschaftlich, ungeschönt und ungeheuer kompetent – Lindenmeyer ist Leiter einer Suchtklinik und seit 2010 Leiter eines Masterstudiengangs „Suchthilfe“ (!)

Normales Trinken ist ein Spiel mit dem Feuer und wir wissen nicht, wann es „kippt“ und gefährlich wird.

Und danach?
Was passiert denn eigentlich, wenn man keinen Alkohol mehr trinkt?

  • Man muss nie überlegen, ob man vielleicht angeschickert etwas Dummes gesagt oder geschrieben hat.
  • Man kann meistens klar denken – und stellt fest, dass es auch „ohne“ manchmal nicht einfach ist klare Gedanken zu fassen:)
  • Nach ca. 2 Wochen wird das Hautbild sichtbar feiner.
  • Nach einem Monat wird das ganze Gewebe fester.
  • Man schläft viiiiiiel besser.
  • Glücksgefühle stellen sich auch durch das Leben alleine ein, wenn die Dopamin-Balance des Körpers nicht mehr durch Alkohol aus dem Gleichgewicht gebracht wird.
  • Man merkt allmählich wieder, wie schön das Leben in 24/7-Klarheit ist.

Schon nach ein paar Tagen lässt die Lust auf Alkohol nach. Und wenn es dich überkommt, dann mach dieselben Atemübungen, die auch gegen Nervosität helfen! Dann trink ein Glas von etwas anderem: roter Traubensaft, Kombucha, alkoholfreier Apfelwein (erstaunlich lecker), alkoholfreies Bier (wenn Du ein Riesen-Alkohol-Problem hast, ist das kontra-indiziert, weil immer noch ein Mini-Rest Alk drin ist), Tonic, Schorle aller Art…Es gibt auch alkoholfreien Wein, mein Ding ist das nicht.

Kann übrigens sein, dass du nicht gleich abnimmst, obwohl Du die Alkohol-Kalorien weglässt: wenn du nichts mehr trinkst, isst du anfangs vielleicht mehr Süßes. Dafür gibt es kluge bio-chemische Erklärungen. Sei nicht zu streng mit dir, das lässt wieder nach!

Was schwierig sein kann:
Wenn du nicht durch Alkohol dem Leben die Ecken abrundest, erlebst du alles ungeschönt.

Die gute Nachricht:
Man gewöhnt sich dran und kann mit klarem Verstand beginnen belastende Dinge aus der Welt zu schaffen. Anscheinend dauert es 66 Tage, bis eine Gewohnheit umprogrammiert ist, so besagt jedenfalls eine neuere Studie vom University College in London.

Ich kann nur ermutigen, das Experiment zu wagen, mal eine Zeitlang nichts zu trinken. Unsere Pandemie-belasteten Lebern und Hirne werden es uns danken! Mir haben meine paar Monate ohne den falschen Freund Alkohol jedenfalls bislang super gut getan.

Viel Spaß dabei und bis bald,

Hedwig

PS: Das ist kein wissenschaftlicher Artikel, deshalb gibt es keine Quellenangaben, aber wenn ihr ein bisschen sucht, findet ihr die Artikel im Netz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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hedwig fassbender
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